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Sexualität und Behinderung

19.11.2018 CJD Berlin-Brandenburg « zur Übersicht

In der Werbung, in Filmen, in unserem Alltag ist Sex omnipräsent. Aber wie steht es um die Sexualität von Menschen mit Behinderungen? Bei einer körperlichen Behinderung scheint die Antwort klar. Die Betroffenen können ihre Bedürfnisse formulieren und ausleben. Aber was ist mit Menschen mit geistiger Behinderung? Menschen, die sich verbal womöglich nicht ausdrücken können, deren Selbstbestimmung aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung im täglichen Leben oft gegen null geht? Ihre Sexualität ist etwas, worüber kaum jemand sprechen möchte. Bei Edith Arnold ist das anders. Sie besucht diese Menschen und wird intim mit ihnen - gegen Bezahlung.

Und so kann man sich eine solche Sexualbegleitung vorstellen: Als Edith die Außenwohngruppe betritt, herrscht bei einem jungen Mann, mit geistiger und körperlicher Behinderung schon pure Vorfreude, Aufregung und auch ein Stück Unsicherheit. In seinem Zimmer ziehen sich beide für gut 40 Minuten zurück. Der junge Mann hat eine körperliche Behinderung und eine Störung im Bereich der Wortfindung, des Sprechens und der Artikulation. Seine Aussprache wirkt sehr schwerfällig, langsam und verwaschen. Er konnte ihr aber trotz seiner Einschränkungen sagen und auch zeigen, was er bisher vermisste und ihm gefällt. Es geht hauptsächlich um Aufmerksamkeit und körperliche Nähe. Was zwischen dem jungen Mann und Edith in der Stunde ihres Beisammenseins passiert, ist offen.

Danach besuchte sie noch zwei weitere männliche Bewohner, zwischen 20 und 50 Jahre. Beide unterschiedlicher, wie sie kaum sein können. Der eine tiefenentspannt und der andere hüpfte vor Begeisterung fast an die Decke. Nach dem Treffen steht für alle drei Männer fest, wir möchten Edith wiedersehen. Und auch das verliebte Pärchen möchte den nächsten Schritt in ihrer Partnerschaft gehen.


Als ich mit dem jungen Mann im Herbst 2017 auf einer Fachtagung von PETZE, in Kiel über das Thema Sexualbegleitung stolperte und wir die junge Frau kennenlernten, war ich sofort begeistert von ihrer Arbeit und ihrer Ausstrahlung.  Ich hatte schon einiges zu dem Thema gehört, aber es war etwas völlig anderes mit einem Menschen mit Behinderung zu diesem Thema ein Workshop zu besuchen und zu sehen, wie offen und positiv er auf dieses Thema reagierte.  Sexualität von Menschen mit Behinderungen nimmt immer mehr an Bedeutung. Uns war schnell klar: Diese Frau müssen wir nach Perleberg einladen. Und so kam es, dass ein Beitrag von Edith im September 2018 auf ZDF lief und ich diese Dokumentation für die Arbeit im Wohnbereich nutzen konnte. Der junge Mann erkannte sie sofort wieder und auch zwei andere männliche Bewohner und ein verliebtes Pärchen fanden den Film interessant, spannend und schön. Von ihnen bekam ich dann die Bitte Edith Arnold zu kontaktieren.

Wie dann letztlich jeder Einzelne zu dem Konzept der Sexualbegleitung steht – und auch zu Edith Arnold im Speziellen – ist natürlich ihm oder ihr selbst überlassen. In der Öffentlichkeit und in vielen Einrichtungen jedoch findet ein solch offener Umgang mit der Thematik bisher so gut wie gar nicht statt. Allerdings: das Thema hat zumindest seit der Ausstrahlung  von dem Film „Die Berührerin“  bei 37 Grad auf ZDF mehr Aufmerksamkeit bekommen. Viele Leute, im Bekanntenkreis aber auch im beruflichen Umfeld, z.B. gesetzliche Betreuer haben mich dazu angesprochen und ein positives Feedback dazu gegeben. Ich hoffe auf eine weitere offene Auseinandersetzung – nicht nur im kleinen Rahmen. Ich hoffe, dass irgendwann nicht mehr so viele von uns sagen würden: „Darüber habe ich mir ja noch nie Gedanken gemacht.“

Jeder Mensch ist einzigartig und hat seine eigenen Gefühlswelten.


Hanka Bielert
Hausleiterin der AWG Perleberg